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Obere Hauptstr. 5

Untersuchungen zum Anwesen Obere Hauptstr. 5 (ursprünglich Nr. 6)

Auf dem stadtgeschichtlich gesehen sehr zentral gelegene Anwesen (nahe der Fortuna-Kreuzung) stehen seit Anfang des 20. Jahrhunderts zwei völlig unterschiedliche Häuser dicht aneinander. In der „Geschäftslage“, direkt an der Straße und neben der Freitreppe zur katholischen Kirche, steht ein dreistöckiges Gebäude, dessen zwei untere Geschosse aus der Gründerzeit stammen (Hospach-Haus), während ein weiteres Obergeschoß erst in den fünfziger Jahren entstand.

Klein und etwas verborgen steht dahinter ein Fachwerkhaus, das den Beinamen „Hexenhäuschen“ führt und im ursprünglichen Bauernhof als Holzschopf diente. Das kleine Gebäude stand lange Zeit leer, bis es durch den Katholischen Kirchenfonds Hockenheim in den siebziger Jahren zu einer Wohnung umgebaut wurde, welche zunächst von den jeweiligen Kaplanen und danach von anderen Mitarbeitern der katholischen Gemeinde bewohnt wurde. Mangels Platz wurde das Badezimmer in das Erdgeschoß des Haupthauses verlegt, ohne dass jedoch ein direkter Zugang in dessen weitere Räume vorhanden wäre.

Dieses Kleinod hat die Aufmerksamkeit unserer Agenda-Gruppe auf sich gezogen, weil es zu den ganz wenigen noch erhaltenen Fachwerkgebäuden unserer Stadt zählt und es an dieser exponierten Stelle ein Glücksfall ist, dass es überhaupt noch steht. Erbaut worden sein dürfte das einstöckige Häuschen, das noch im Jahr 1952 im Grundbuch als „einstöckiger Holzschopf mit Kniestock“ bezeichnet wird, Anfang des 19. Jahrhunderts, denn Urkunden belegen, dass in jener Zeit ein Johann Christoph Pfisterer, von Beruf Maurer, zusammen mit seiner Ehefrau Maria Magdalene geb. Kaiser in dem Gebäude wohnte. Die Eheleute betrieben auch eine Landwirtschaft und es war nicht die Kleinste in Hockenheim, wie ein Foto aus der Zeit um 1900 beweist, auf dem eine der größten Scheunen Hockenheims zu sehen ist. Sie steht an der hinteren (östlichen) Begrenzung des Anwesen, teilweise angebaut an einen niedrigeren Anbau, in welchem das Backhaus, eine Werkstatt sowie Ställe untergebracht waren. Zwischen diesem Bau und dem kurz vorher von Viktorin Hospach neu erbauten Wohn- und Geschäftshaus ist das „Hexenhäuschen „ erkennbar. Von der Scheune ist bekannt, dass sie um 1900 von einem Bauer aus der Pfalz sorgfältig abgebaut und dort (Ort unbekannt) wieder aufgestellt wurde.

Ein Sohn von Johann Christoph und Maria Magdalene Pfister, nämlich Johann Adam Pfisterer, geb. 06.02.1825, führte den bäuerlichen Betrieb weiter, baute ihn aus und wuchs zur einer herausragenden Persönlichkeit heran, was daraus ersichtlich wird, dass er zu einem der damals sehr einflussreichen Gemeinderäte bestimmt wurde. Er heiratete seine Cousine Katharina geb. Pfisterer und zeugte mit ihr 6 Kinder. Zehn Tage nach der Geburt des letzten Sohnes beendete das gefürchtete Kindbettfieber das erst 32-jährige Leben der Mutter und auch das Kind überlebte nur wenige Tage. Knapp neun Monate später heiratete Johann Adam erneut und zwar die 27-jährige Katharina geb. Schuppel und wurde Vater von weiteren fünf Kindern. Somit lebten um das Jahr 1865 bis zu einem Dutzend Personen auf dem damaligen Bauernhof. Diese seinerzeit nicht seltene Konstellation wirft ein Schlaglicht auf die in vielfacher Hinsicht schwierigen Lebendbedingungen jener Zeit.

Schon zu Lebzeiten des Familienoberhauptes traten erhebliche Spannungen zwischen den Kindern aus 1. Ehe und der Stiefmutter auf. Nicht überraschend kam es daher nach dem Tod von Johann Adam am 26.04.1875 zu erbitterten Erbstreitigkeiten, was letztlich dazu führte, dass das hier beschriebene Anwesen Obere Hauptstr. 5 im Oktober 1875 versteigert werden musste. Erwerber war vermutlich ein Hockenheimer mit Namen Weißenberger, der es vermutlich an seinen ältesten Sohn, den Jakob Weißenberger übergab und gleichzeitig zu Gunsten seiner weiteren Kinder, nämlich Elisabetha Walter und Johann Weißenberger Gleichstellungsgelder ins Grundbuch eintragen ließ. Der neue Eigentümer heiratete offensichtlich eine Frau aus Erzingen und verzog dorthin. Der Eigentümer, inzwischen „verwitweter Landwirt“, verkaufte das Anwesen (damals noch Nr. 6), im Oktober 1897 „an Victorin Hospach, verheirateter Uhrenmacher, wohnhaft dahier“ und zahlte aus dem Verkaufserlös von 20.000 Mark seine Geschwister aus. Der Kaufpreis beinhaltete das Grundstück von damals 7,66 Ar samt „zweistöckigem Wohnhaus mit überbauter Einfahrt und gewölbtem Keller, massivem Sockel, Schopf mit Schweineställen, eine Scheuer mit Stall und Barren, Werkstadt mit Backhaus mit Balkenkeller“. Hospach, geboren im Jahr 1867 in Vehringenstadt bei Sigmaringen, war verheiratet mit der Hockenheimerin Maria Magdalene geb. Gelb. Im Grundbuch eingetragen wurde das Eigentum für „das Gesamtgut der Fahrnisgemeinschaft“ zwischen den Eheleuten Hospach. Kurz nach der Übernahme ließen die Hospachs das alte Wohnhaus abreißen und ersetzten es durch ein stattliches zweistöckiges Gebäude samt Dachgeschoß mit drei Gauben und versehen mit damals typischen Jugendstilelementen (Gründerzeit). Vermutlich war das alte Haus beim Brand des Nachbargebäudes Nr. 4 („Schwarzes Lamm“) am 27.02.1900 in Mitleidenschaft gezogen worden und eine grundlegende Renovierung, verbunden mit der Umgestaltung des Erdgeschosses in ein Ladenlokal mit Werkstatt wäre auch nicht viel billiger gewesen. Das erste Uhrmacher-Fachgeschäft der Region wurde dort jahrzehntelang betrieben.

Ein Foto, das kurz nach der Fertigstellung des neuen Gebäudes aufgenommen sein dürfte, macht die seinerzeitige bauliche Situation deutlich. Angrenzend an das in Rede stehende Anwesen ist darauf in Richtung „Fortunakreuzung“ ein Lattenzaun zu sehen an der Stelle, wo vor dem Brand das Gasthaus „Zum schwarzen Lamm“ stand. Die katholische Kirchengemeinde hatte dieses Grundstück samt angrenzenden Anwesen gekauft und konnte endlich mit der Planung für die dringend benötigte neue Stadtkirche beginnen, welche 1911 als „St. Georg“ geweiht wurde.

Nachdem Frau Hospach bereits im Jahr 1928 verstorben war, blieb das Anwesen bis zu seinem Tode im Jahre 1954 im Besitz von Victorin Hospach und danach der Erbengemeinschaft seiner Kindern und später Enkel. Als das Anwesen, dessen gewerblicher Teil von 1955 bis 1978 von der Uhrmacher- und Optiker-Familie Tengler gepachtet worden war, im Jahre 1966 zum Verkauf stand, erwarb es auf Drängen von Dekan Beykirch der Katholischen Kirchenfonds Hockenheim und arrondierte auf diese Weise sein Kirchengrundstück. Das alte Häuschen, ebenso wie später auch Teile des Wohn- und Geschäftshaus dienten fortan als Wohnstätte für Messner sowie kirchliche (Jugend-) Gruppen. Die Wohnungen in den Obergeschossen sind vermietet.

All diese Jahrzehnte und Ereignisse hat das kleine Fachwerkhäuschen überdauert. Es wird vom jetzigen Eigentümer sorgfältig instand gehalten und erinnert an Hockenheimer Zeiten und Schicksalen aus fast zwei Jahrhunderten.

 

Verfasser Horst Eichhorn, unterstützt vom Herrn Dekan Grabetz von der Katholischen Kirchengemeinde Hockenheim sowie Klaus Brandenburger, Werner Pfisterer und Inge Rösch

Stand Mai 2012